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Trainerin erläutert Inhalte vor einer Stellwand mit Post-its

Wer jetzt nicht mitmacht, der verliert

  • 02.07.2026

Warum Handwerksbetriebe in ihr Wissensmanagement investieren sollten: Interview mit den Fachleuten Daniel Pieper, Führungskraft bei Steinway & Sons, und Ursula Diettrich, Unternehmensberaterin für den Mittelstand.

Wenn langjährige Mitarbeitende ihr Unternehmen verlassen oder in Rente gehen, verlieren Betriebe oft einen Schatz an Wissen und Erfahrung. Doch der lässt sich bewahren. Wie das gelingt, wissen die Fachleute Daniel Pieper, Teamleiter Operative Logistik bei Steinway & Sons, und Ursula Diettrich, Beraterin vom Netzwerk für Changemanagement. Ihre Expertise brachten die beiden auch im jüngsten Campus-Talk ein: Diese Veranstaltungsreihe richtet sich an Entscheidungsträger aus dem technisch-produzierenden Gewerbe und dem Handwerk. Termine finden mehrmals pro Jahr statt und greifen jeweils branchenübergreifende Themen auf, zuletzt etwa Fragen des Arbeitsrechts, die Kommunikation mit der Gen Z, die Bedeutung von KI im Arbeitsalltag oder die Stärkung der Arbeitgebermarke.

Herr Pieper, Steinway ist weltberühmt für seine Expertise. Im Unternehmen in Hamburg wird sie seit vielen Generationen weitergegeben. Warum engagiert sich die Firma trotzdem im Wissenstransfer? 

Daniel Pieper: Weil eine neue Generation in den Arbeitsmarkt eintritt – sie hat nicht mehr unbedingt die Ambition, ein Leben lang bei ein und demselben Unternehmen zu arbeiten. Das war bislang anders. Unsere Mitarbeitenden blieben oft 20 oder 25 Jahre bei uns, ein Kollege ist sogar schon seit 45 Jahren bei Steinway. Wenn wir nun aber häufiger Mitarbeiter verlieren sollten, nehmen diese Wissen mit, das wir kostspielig an sie vermittelt haben. Nur um Ihnen einen Eindruck zu geben: Wer bei uns im Bereich Fertigstimmen und in der Endabnahme arbeiten will, also direkt an den Flügeln und Klavieren, muss als Klavierbauer davor fünf Jahre lang Erfahrung in unserem Unternehmen gesammelt haben. Damit das Know-how danach nicht verloren geht, haben wir unser abteilungsinternes Wissensmanagement neu strukturiert.

Referent gestikuliert vor einer Stellwand zum Thema Wissensmanagement

Daniel Pieper (Steinway & Sons)

Frau Diettrich, Sie beraten Unternehmen bei solchen Prozessen. Brauchen auch weniger spezialisierte Handwerksbetriebe als Steinway dafür Konzepte?

Ursula Diettrich: Auch für weniger spezialisierte Handwerksbetriebe sind Konzepte entscheidend. In kleineren Betrieben mit zehn, zwanzig Leuten lernen neue Mitarbeitende zwar viel direkt von erfahrenen Kräften, indem sie einfach zuschauen oder mit anpacken. Aber selbst diese Unternehmen müssen ihre Produkte ja oft anpassen, etwa an neue Kundenwünsche oder gesetzliche Vorgaben. Bauunternehmen zum Beispiel müssen auf die Energiegesetzgebung reagieren. Für die Führungskräfte gibt es dazu zwar Schulungen – auf der Baustelle muss aber auch jeder einzelne Geselle wissen, was zu tun ist. 

Die allermeisten Unternehmen müssen also für einen gewissen Wissenstransfer sorgen. Dazu braucht es geschulte oder ältere, erfahrene Mitarbeitende, die ihr Wissen weitergeben. Doch viele dieser Männer und Frauen verabschieden sich gerade in großer Zahl aus der Arbeitswelt: In zehn Jahren wird der letzte Babyboomer in Rente gehen. Das enorme Wissen dieser Generation gilt es, für das Handwerk zu bewahren.

Herr Pieper, wie geben die Kollegen bei Steinway ihr Fachwissen weiter?

Daniel Pieper: Wir nutzen dafür sowohl digitale als auch analoge Formate, weil unsere Spezialisten in ganz verschiedenen Bereichen arbeiten. Am Korpus der Instrumente etwa sind Handwerker wie Tischler und Lackierer tätig: Deren Wissen lässt sich noch recht gut durch Texte und Zeichnungen aufbereiten. Das eignet sich aber eher für kurze, prägnante Infos– niemand arbeitet sich schließlich gerne durch ein mehrseitiges PDF. Erst recht nicht, wenn es um implizites Wissen geht, also dieses gewisse Gespür für den Umgang mit Materialien oder Maschinen, das sich erst mit einiger Erfahrung einstellt: Wie muss der Filz eines Hammerkopfs bearbeitet oder eine Saite gestimmt werden? 

Dieses Wissen lässt sich besser durch Medien vermitteln, die auch einzelne Handgriffe zeigen, etwa Videotutorials. In meiner Abteilung, der Logistik, mache ich außerdem sehr gute Erfahrungen mit Jobrotation: Die Kollegen lernen dabei die Aufgaben an verschiedenen Positionen kennen. Das hat uns in Krankheitswellen mit 50% Abwesenheit im Team geholfen noch bis 80% der regulären Tätigkeiten abzudecken. Obwohl unser Team halbiert war, lief die Produktion weiter. Natürlich ist das eine Ausnahmesituation und eine Belastung für das gesamte Team – das ist das Ergebnis der Jobrotation und beeindruckt mich immer wieder.

Eine Referentin steht vorne in einem Veranstaltungsraum neben einem Rednerpult und präsentiert vor einem sitzenden Publikum.

Ursula Diettrich (Netzwerk für Changemanagement)

Kennen Sie ähnliche Erfolge, die sich durch Wissensmanagement einstellen, Frau Diettrich?

Ursula Diettrich: Ja, das passiert regelmäßig, darunter auch Überraschungen, weil einige Unternehmen wirklich kreative Lösungen umsetzen. Ich erinnere mich zum Beispiel an einen Betrieb für Heizung, Klima und Sanitär mit 80 Leuten. Die Meister können natürlich nicht auf jede Baustelle mitkommen. Deshalb haben die Gesellen jetzt VR-Brillen und zwar Modelle mit Klarglas: Die setzen sie auf, wenn sie einmal nicht weiter wissen, und schalten ihren Meister dazu. Dem können sie ihr Problem dann live zeigen. Es gibt also schon sehr schlaue Lösungen dafür, wie wir Wissen in Unternehmen teilen können. Ich bin überzeugt: Wer dabei jetzt nicht mitmacht, verliert!

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